Sie beginnt vorzulesen. Er kann sich des Eindrucks nicht erwehren, sie sei kurzatmig… Konzentriert hört er zu. Fast schon kommt es ihm so vor, als könne er zwischen den Worten ihr Herzklopfen hören. Er lehnt sich zurück und lauscht. Scheinbar bewusst setzt sie nach jedem Satz, jeder Frage eine Pause und sieht zu ihm auf. Mit einem besonderen Blick, so als wolle sie prüfen, ob er noch ganz Ohr sei. Dann lächelt er brav zurück und bestätigt damit ihre Prüfung.

Als sie das graue Heft schließlich zur Seite legt, überlegt er, wovon der Text gehandelt hat. Seltsamerweise kann er sich heute nicht besonders gut erinnern – alles in seinem Sinn ist neben dem Duft des Kaffees ihre Stimme, die er so gern hört, sie auf sich wirken lässt. „Macht nichts“, sagt sie dann unvermittelt, mitten hinein in sein Denken. „Ich les nochmal vor“, mit einem verständnisvoll freundlichen Seufzen. Als ob sie seine Gedanken direkt mitgelesen hätte…

Diesmal bemüht er sich, mehr auf den Inhalt ihrer Worte als auf den Klang zu achten. Mit äußerster Konzentration gelingt es ihm schließlich mehr oder weniger. Er nimmt einen Schluck. Die Kaffeetasse in seiner Hand zittert leicht und zeigt dabei verräterische Wellen. Für einen Augenblick ist komplette Stille.


Schon wieder hat er nicht richtig zugehört. Aber kann sie es ihm verdenken? Wenn er aus dem schwarzen Buch liest oder zitiert – was er oft tut – weiß sie meist auch nicht mehr, worum es ging. Zu fasziniert ist sie von seinem Verstand, seiner Logik, seinem Mund. Gemeinsam gehen sie dann auf Fadensuche – irgendwie versteckt der sich immer auf den Lippen des anderen…

Noch immer versagt ihr die Stimme, wenn sie sich bewusst wird, dass er ihr zuhört. Wie am Anfang, als sie ihm am Telefon vorlas, weil spontane Worte kaum zu fassen waren.

Ein zweites Mal liest sie, beobachtet nach jedem Satz seine zusammen gezogenen Brauen, die von der Anstrengung erzählen, die es ihn kostet, nicht auf ihren Mund zu starren. Ja, sie ist nicht blöd, sie hat das bemerkt. Mit einem Schmunzeln schließt sie. Er hat gerade seine Tasse an den Mund gehoben, nimmt einen Schluck und stellt den Kaffee wieder auf den Tisch. In Zeitlupe.

Für einen Augenblick ist komplette Stille.

Bei dem Anblick seiner Versunkenheit kann sie sich nicht mehr beherrschen. Das Lachen bricht aus ihr heraus, ruft bei ihm erst Verwunderung, dann Leichtigkeit hervor. Befreit von all der Last auf seinen Schultern schaut er sie an. Mittlerweile steht sie vor ihm, lacht ihm ins Gesicht und greift nach seiner Hand. Mit einem Knopfdruck erschallt BOY aus der Anlage und sie beginnt zu tanzen, ihn mitzuziehen. Das Lachen hört nicht auf, ohne Hemmungen interpretiert sie die Musik, er macht mit. Voller Glück küsst er sie, so wie er fast immer den ersten Schritt in dieser Hinsicht tut. So wie sie es mag. Sie lassen sich nicht mehr los, sind ganz außer Atem vor tanzen und küssen.

Mit einem Blick auf die Uhr macht sie sich frei: „Die Arbeit ruft, werter Poet!“, und bevor er sie fassen kann ist sie schon im Bad verschwunden.