Teil 1

Es war noch keine acht Uhr, als sie aufwachte. Normalerweise – das war ihr erster Gedanke an diesem Morgen – hätten die anderen Julia Nordmeier ruhig ein bisschen länger schlafen lassen können. Es waren ja schließlich Ferien, oder?

Noch ganz müde, kroch sie aus ihrem Bett und machte sich fertig. Als sie aus dem Fenster ihres Zimmers sah, war die Sonne gerade aufgegangen. Leider hatte sie, zusammen mit ihrer Schwester, ein Zimmer Richtung Südwesten, wo morgens noch keine Sonne hinein schien…

Gerade als sie mit dem Frühstück fertig waren – es war inzwischen so um neun Uhr – klingelte es plötzlich an der Tür.

„Wer mag das wohl so früh sein?“, dachte sich Julia, als sie zur Tür ging. Sie drückte auf den Türöffner, und wenige Augenblicke später kam der Paketzusteller mit einem ziemlich wuchtigen Paket die Treppe herauf.

Tanja, die inzwischen auch an die Tür gekommen war, unterschrieb die Annahme, und Julia fragte: „Was ist das denn? Erwarten wir was?“ Tanja antwortete: „Nicht dass ich wüsste – komm helf mir mal bitte tragen…“

Als sie mit Müh und Not das Paket ins Esszimmer befördert hatten – es war zwar nicht schwer, aber unhandlich -, stellte Tanja plötzlich fest: „Das Paket ist an dich adressiert, Julia!“

Schnell wie der Blitz stand sie vor dem Paket, neugierig, und zögerte kurz. „Mach schon auf!“, empfahl Kira, ihre Schwester, die auch neben ihr stand. „Nicht dass unsere verrückten Freunde wieder irgendeine Schnapsidee hatten…“ meinte Tanja noch, während Julia den Karton öffnete. Alle blickten ganz interessiert auf den Inhalt, aber sie mussten feststellen, dass dort nur alte Zeitungen, geknüllt, versandt worden waren.

Julia fing an in diesen zu graben, auf der Suche nach dem eigentlichen Inhalt des Pakets. Sie fand – ziemlich genau in der Mitte – eine kleine Schachtel, ungefähr so groß wie eine Streichholz-Schachtel. „Wenn es so gut verpackt war, dann muss es was Zerbrechliches sein,“ meinte Maximilian, der, von seiner Neugier geweckt, sich auch kurz von seinem Computer getrennt hatte, und ins Esszimmer gekommen war.

Vorsichtig öffnete Julia nun die Schachtel, und siehe da, es war ein Wurm darin! Schockiert und verwirrt zugleich sah sie zuerst Tanja, dann Maximilian, dann wieder Tanja und zum Schluss Kira an. Maximilian sagte bloß: „Iiiiihh ein Wurm brrr sowas Ekliges…“, und verkroch sich wieder. Kira folgte ihm. Tanja wusste nicht so recht was sie sagen sollte…

Doch zu allem Überfluss fing der Wurm an zu reden und sagte: „Hi Julia!“ Jetzt war sie völlig sprachlos und brauchte erstmal einen Stuhl und ein Glas Wasser. Der Wurm fuhr fort: „Du bist doch Julia?“

Nach einem langen Zögern – sie hatte noch nie mit einem Wurm geredet – antwortete sie: „ja……wer bist du? Warum kannst du reden? Wo kommst du her?“ Der Wurm reagierte: „Ich bin ein Ferienwurm! Einen Namen habe ich noch nicht, und ich wurde hierher geschickt von … naja das sag ich dir besser unter vier Augen.“

Julia schloss also vorsichtig die Schachtel und nahm sie mit auf ihr Zimmer. Schließlich stellte sie sie auf ihrem Schreibtisch ab und öffnete sie wieder. „Also? Wer hat dich geschickt?“, wollte sie nun wissen. Der Wurm antwortete aber nur: „Frag Klaus, der kann dir das erzählen.“

Teil 2

Als Julia zurückkehrte, um den Wurm nach seinem Mitbringsel zu fragen, musste sie erschrocken feststellen, dass der Wurm nicht mehr in seiner Schachtel war, denn diese stand leer auf ihrem Schreibtisch.

Sie sah sich auf dem Boden um, aber von dem Wurm war dort nirgends eine Spur zu finden… Sie ging aus dem Zimmer und suchte den Wurm überall. Als sie im Esszimmer ankam, weil sie gerade fragen wollte, ob die anderen ihn gesehen hätten, merkte sie, dass diese den Wurm offensichtlich schon gefunden hatten, denn sie scharten sich allesamt um den Kaninchen-Stall, wo der Wurm von außen durch die Eisengitter sah, hinter denen die Kaninchen ihn richtig entgeistert anblickten.

„Hier hast du doch nix zu suchen, das ist doch nix Interessantes für dich!“, sprach Julia, während sie ihn behutsam von dort wegnahm. „Sonst wirst du nachher noch gefressen…“, scherzte sie ein wenig, und trug ihn zurück auf ihr Zimmer.

„Klaus hat gesagt, dass du mir was mitgebracht hättest?“, fragte sie den Wurm nun. „Ja das stimmt“, antwortete dieser, wobei er irgendetwas in seiner Schachtel zu suchen schien. „Aber wie es scheint habe ich das was ich dir geben sollte verloren“, gab er nun betrübt zu. „Aber Klaus hat noch eine Kopie – es war ein Gedicht…“

„Wenn du ihn fragst, gibt er es dir bestimmt.“

Teil 3

„Und? Wie findest du das Gedicht?“, wollte nun der Wurm, der diesmal nicht ausgerissen war, wissen. Julia dachte kurz nach und antwortete dann wahrheitsgemäß: „Das Gedicht ist sehr schön. Hab mich gerade schon bei Klaus dafür bedankt…“, und lächelte den Wurm an.

Dieser freute sich, aber meinte dann: „Nun gut, dann ist mein Auftrag bis hierher erstmal erfüllt. Ich habe aber ein Handy dabei, wenn also Klaus morgen wieder etwas für mich als Boten hat, dann richte ich es dir aus…“ Und damit schob der Wurm vorsichtig seine Schachtel zu.

Julia nahm die Schachtel, und stellte sie auf ihren Schreibtisch. Die Sonne fing an, einen Spalt ins Fenster zu scheinen.